Abschrift Artikel vom 23. Juli 2001 vom SÜDKURIER

Monströs, effektvoll, berauschend

400 Besucher feiern Rock Symphony Orchestra im Franziskaner – Gelungener Brückenschlag

Monströser, effektvoller, berauschender geht’s kaum noch. Es war eine gewaltige musikalische Orgie, die das Ortenauer Rock Symphony Orchestra am Samstagabend im ehrwürdigen Villinger Franziskaner Konzerthaus mit leider nur rund 400 Besuchern feierte. Die aber waren völlig aus dem Häuschen, klatschten, tobten, tanzten minutenlang, niemand hielt es mehr auf den Sitzen, als der monumentale Klangkörper mit seinen 160 Mitwirkenden nach einem dreieinhalbstündigen Programm gegen Mitternacht die letzte Zugabe spielte.

Stairway To Heaven, ein schon im Original von Led Zeppelin opulent instrumentierter Rocksong, der im Arrangement für ein Sinfonieorchester zu wahrlich himmlischem Klanggenuss führte. Das Publikum schwebte auf Wolke sieben, das sich unters Volk mischende Ensemble mittendrin, während zum Schluss nur noch die Rockband auf der Bühne spielte – als begeisternde Hommage an die Ursprünge dieses Sounds.

Man stelle sich vor: Ein Sinfonieorchester in großer Besetzung, nur noch größer, neben den Streichern wird noch eine Flöten-Gruppe plaziert, neben dem klassischen Schlagzeug eine Rockband mit Drumsets, E-Gitarren und E-Bass. Hinter und über dem Orchester steht der 30-köpfige Chor auf einem Aufbau. Quer über die ganze Breite des Konzerthauses ist eine riesige Lichtanlage aufgebaut, die das Spektakel mit verzaubernden Licht-Effekten an Wänden und Decke illuminiert – ein bombastischer Aufwand für einen bombastischen Sound.

Rock meets Classic: Das ist so neu nicht, an diesem musikalischen Brückenschlag zwischen E- und U-Musik haben sich auch schon respektable Orchester wie die Londoner Sinfoniker versucht. Und dieses junge Ensemble (Mitte 20 ist das Durchschnittsalter) muss in seiner Emphase, seiner mitreißenden, urgewaltigen Power den Vergleich mit professionellen Produktionen nicht scheuen und macht wieder einmal deutlich, wie überflüssig musikalische Schubladen sind. Es sind unglaublich, aber wahr – allesamt Amateure, gelegentlich hört man das auch, aber kleinere Intonationsschwächen gehen dann im Gesamtklang unter.

Herz und Kopf dieses erstaunlichen musikalischen Projektes ist Wolfgang Roese, gerade mal 25 Jahre alt und bereits eine souveräne, ausgereifte Musikerpersönlichkeit. Der Dirigent stellt sich eingangs mit einem melodiösen uns auslandenden Titel als Komponist vor, der auch am Flügel absolut überzeugt. Er hat sämtliche Arrangements geschrieben, mit sicherem Gespür für die verschiedenen Klangfarben, für die orchestrale Optimierung von Rock- und Pop-Themen, die oft bis zur Unkenntlichkeit auseinandergerissen und mit eigenen musikalischen Einfällen angereichert werden – wobei sich dieser Tausendsassa auch ungeniert bei Operette, Jazz und natürlich der Klassik selbst bedient.

Bei „You really got me“ von den Kinks zum Beispiel stellen sich die Instrumentengruppen zunächst einzeln vor, auf Querflöten und Bässe antworten zart die Holzbläser, die Geigen zupfen den Bass, Celli, Bratschen steigen mit ein, die Dramatik spitzt sich zu, als die Streicher die Melodie übernehmen – eine Steigerung scheint undenkbar, der Höhepunkt erreicht, doch mit dem Einsatz des Chores gibt es doch noch einen Superlativ mehr. Wohliges Schauern macht sich breit, Gänsehaut – das Villinger Publikum macht seiner Erregung mit Beifallspfiffen Luft.

Es ist ein effektvoller, sinnlicher Rundumschlag, aber keine Effekthascherei. Die Arrangements der Titel von Eric Clapton, den Boom Town Rats, Pink Floyd, Supertramp und anderen sind anspruchsvoll, abwechslungsreich und gewitzt. Ein Extra-Sahnehäubchen in diesem musikalischen Schlemmer-Menü sind die Gesangssolisten – bei „Love-Terzett“, einem romantischen Medley kommt noch ein bisschen Revue-Glamour („Big Spender“) ins Spiel, das Publikum will sich kaum beruhigen.

Wieder eigene Glanzlichter sind die Filmmelodien von „Star Wars“ und dem James-Bond-Klassiker „Goldfinger“, die sich in ihrer cineastischen Opulenz für eine sinfonische Inszenierung nachgerade anbieten. Ein denkwürdiger Abend, der auch im sehr gemischten Publikum viel zur Versöhnung der Abteilungen Klassik und Rock beigetragen hat.

Christina Nack

ORSO the rock symphony project

ORSO - Chor und Orchester
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